Schlagwort: Ermittlung

Robert B. Parker: Verfolgt in Paradise

Ein weiterer Fall für Jesse Stone, dem Polizeichef von Paradise, einem kleinen Örtchen an der Ostküste, welches sich gerade mal zwölf Polizisten leisten kann. Jesse, der in den Verfilmungen von Tom Selleck gespielt wird, hat es dieses Mal nicht mit Mord und Totschlag zu tun. Seine Probleme sind zunächst die eines Provinzstädtchens. Eine Schulleiterin, die den kleinen Mädchen vor der Klasse unter die Röcke schaut. Angeblich weil sie will, dass die Mädchen darunter gesittet aussehen und sich nicht auf den Weg von Schlampen verirren. Parallel dazu werden Jesses Leute auf einen Spanner aufmerksam, der zunächst nur die Frauen bei Nacht durch deren Wohnungsfenster beobachtet und sich Nachtfalke nennt. Doch dann geht der Spanner auch noch weiter.

Der Roman lebt von den Dialogen. Es wird sehr viel geredet. Dabei fließen viele Anekdoten und Begebenheiten der vorhergehenden Romane ein. Das gibt dem Leser, der die vorhergehenden kennt (was aber kein Muss ist), das Gefühl, heimisch in einer Familie oder bei guten alten Bekannten zu sein. Die häufigsten Gesprächspartner sind die beiden Mitarbeiter Molly und Suit. Das Frotzeln untereinander nimmt kein Ende. Aber Jesse unterhält sich auch wieder mit seinem Psychiater Dix. In gewohnter Weise längt Jesse von seinem Alkohol- und Frauenproblem ab und benutzt Dix für seine aktuellen Ermittlungen. Die Art und Weise der Dialoge treibt dem Leser das Schmunzeln ins Gesicht.

Die deutsche Übersetzung steht dem Humor und der Ironie des Protagonisten in Nichts nach, wenn man davon absieht, dass Molly anfangs Kommissar und später Inspektor ist. Hier hätte wahrscheinlich der amerikanische Dienstgrad vollkommen ausgereicht.

Wie bereits erwähnt, ist es nicht notwendig, alle vorherigen Jesse-Stone-Romane zu kennen. In kurzen Absätzen und Stichworten wird alles Wichtige erwähnt und der Leser ist voll im Bilde. So erfährt er von dem Rauswurf Jesses bei der LAPD genauso wie von dessen Ex-Frau Jenny und einigen weiteren Liebschaften.

Die extrem knappen Beschreibungen und die ausgiebigen Wortwechsel schaffen ein Bild von der amerikanischen Kleinstadt  und dem pulsierenden Leben auf dem Polizeirevier, welches fesselt. Dass es dabei um kei9ne großen Mordsachen geht, dass Jesse dieses Mal ohne SEK und Schießen aus der Hüfte auskommt, stört gar nicht. Man liest die Gespräche, hört sie im inneren Ohr und hat das Gefühl, mitten unter den Figuren dabei zu sein und mitreden zu können.

Jesse Stone, ein Sympathiebolzen, von dem man gelesen haben muss.

weitere Besprechungen in diesem Blog:

Das dunkle Paradies

Eiskalt

Der Killer kehrt zurück

Tod im Hafen

Mord im Showbiz

Terror auf Stiles Island

Die Tote in Paradise

Parker, Robert B.
Verfolgt in Paradise
Aus dem Amerikanischen von Bernd Gockel
Pendragon Verlag, Bielfeld
ISBN 9783865325259

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Minette Walters: Die Bildhauerin

Minette Walters arbeitete viele Jahre als Redakteurin in London bevor sie das fiktive Schreiben begann. Ihr erster Roman „Im Eishaus“ wurde sofort zum internationalen Bestseller und als bestes Krimidebüt ausgezeichnet. Der vorliegende Roman „Die Bildhauerin“ ist ihr zweiter Roman und erhielt den Edgar-Alan-Poe-Preis. Walters lebt mit ihrer Familie in Hampshire und ihre Romane spielen häufig in und um Southampton im  Süden Englands.
Als Bildhauerin wird die mehr als übergewichtige Oliv Martin im Gefängnis bezeichnet. Sie sitzt bereits seit fünf Jahren hier, weil sie gestanden hat, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester in der Küche des elterlichen Hauses ermordet zu haben. Den Beinamen Bildhauerin hat sie von den anderen Gefängnisinsassinnen und Wärterinnen erhalten, weil sie Puppen aus Modelliermasse knetet und diese gelegentlich wie Voodoopuppen mit Nadeln durchsticht. Als Oliv vor fünf Jahren das Geständnis ablegte, gab es keine weiteren Tatverdächtigen ohne Alibi, deshalb waren die Ermittlungen schnell abgeschlossen und auch die Gerichtsverhandlung ging rasant über die Bühne. Allenfalls die Begleitumstände waren bemerkenswert da die 23jährige von Presse und Öffentlichkeit als Monster gebrandmarkt wurde, ihre Hässlichkeit aufgrund ihrer Leibesfülle passte geradezu perfekt zu der Grausamkeit der Tat.
Auch im Gefängnis ist sie so etwas wie eine Diva. Ihre Mitgefangenen trauen sich nicht, sie etwas härter anzupacken. Oliv hat sich damit eine Rolle zugelegt, mit der sie sich lästige Menschen vom Leib hält.

Die Journalistin und Schriftstellerin Rosalind Leigh hat von ihrem Verleger den Auftrag bekommen, ein Buch über einen bizarren Fall zu schreiben. Eigentlich widerstrebt es ihr, solch ein Auftragswerk zu schreiben, doch dann stößt sie auf Olive Martin und auf deren dunkles Geheimnis. Sie entdeckt immer mehr Ungereimtheiten, die so gar nicht zu dem ansonsten klaren Fall passen. Rosalind macht sich auf den Weg, deren Unschuld zu beweisen.
Doch bis zum Ende des Romans kann sich der Leser nicht sicher sein, ob die Beweiskette, die die Schriftstellerin aufstellt, lückenlos ist. Das wird immer wieder zwischendurch klar. Der Roman wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Über große Teile verfolgt der Leser die Handlungen der Schriftstellerin Rosalind und sieht alles aus mehreren Blickwinkeln. Er kann ihr dabei gut folgen und mit ihrer Meinung einhergehen. In dem Moment aber, wenn der Erzähler lediglich den Raum um die Bildhauerin ausleuchtet, wird ein komplett anderes Bild wiedergegeben. So verwundert es nicht, dass am Ende des Romans, der bis dahin einen glücklichen Verlauf nahm, dem Leser das Schaudern über den Rücken läuft.
Spannung pur mit interessanten Figuren, die erst zueinander finden müssen. Eine unterhaltsame Milieustudie aus den Arbeitervierteln der südenglischen Hafenstadt.

Walters, Minette
Die Bildhauerin
Aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg-Ciletti
Goldmann Verlag

ISBN 9783442424627

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Karr & Wehner: Rattensommer

„Rattensommer“ ist der zweite Krimi aus der Gonzo-Reihe des Autorenduos Karr & Wehner. Wie schon zuvor beim „Geierfrühling“ geht es auch bei diesem Roman in die abgrundtiefsten und schmutzigsten Ecken der Ruhrmetropole Essen.

Es ist Sommer. Der Videoreporter Gonschorek, genannt Gonzo, ist wegen der Sommerflaute wieder knapp bei Kasse. Aber eigentlich ist er das ja immer. Zufällig läuft er dem Filmproduzenten Matzke über den Weg, der für einen Pornodreh einen Kameramann benötigt. Gonzo sieht keinen anderen Ausweg. Lernt er doch auf diesem Wege gleich mal eine andere Filmbranche kennen. Doch beim Dreh fällt ihm in einer Ecke ein junges Mädchen auf, der es offensichtlich gar nicht gut geht.

Kurze Zeit erfährt er, dass dieses Mädchen tot ist. Sie ist eine von mehreren Mädchenleichen, die in letzter Zeit in Essen gefunden wurden und dem „Ruhrkiller“ zugeschrieben werden. Die Polizei ermittelt bereits unter Hochdruck. Mit seinen Spuren am Filmset gerät auch Gonzo ins Visier der Fahnder. Weniger als tatverdächtiger denn als Zeuge, noch besser als Spitzel. Für seine Videoreportagen muss er immer nah am Geschehen sein, deshalb kennt er viele Polizisten, die ihn diese Tat und eine Verstrickung darin zwar nicht zutrauen, aber die der Meinung sind, er könnte sich bei den Pornofilmern in der Szene mal umhören und berichten.

Das Autorenduo hat für diesen Krimi 1996 den Friedrich-Glauser-Krimipreiserhalten. Ihr Geschick ist die realitätsnahe Schilderung eines Milieus, welches immer wieder als Klischee in den Medien auftaucht, mit dem in der Realität kaum ein Mensch zu tun haben möchte. Dabei bedienen sie sich vielfältiger Methoden der Actiondarstellung und Spannungserzeugung. Es wird das typische Bild eines Verlierers gezeichnet, der alle Abgründe des menschlichen Lebens auch sich zu vereinen scheint, und dennoch am Ende als (nicht ganz so strahlender) Sieger dasteht. Ganz im Stil eines Dashiell Hammett lassen die Autoren ihren journalistischen Ermittler durch das „verkommene“ Essen schreiten. An der Seite immer seine Sekretärin („Ich bin nicht Ihre Sekretärin.“), Assistentin, Chefin („Du bist nicht meine Chefin.“) Betty.

Ein Lesevergnügen voller Korruption und Schmutz.

Karr & Wehner
Rattensommer
GONZO-Krimireihe
Klartext Verlag, Essen
ISBN 9783837514087

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Franziska Franke: Wechselspiel in Mogontiacum

Franziska Franke ist bekannt für ihre Sherlock-Holmes-Krimis (siehe diverse Rezensionen in diesem Blog), in denen sie brilliert wie der Schöpfer dieses Privatdetektivs selbst.Doch die Schriftstellerin schreibt auch andere Kriminalromane. So erschien 2015 im Salonlöwe Verlag der vorliegende Krimi, der zur Zeit der Römerherrschaft in Mainz und Köln spielt.

Landgutsbesitzer Marcus, der nach den Turbulenzen seines ersten Falles alles in Ruhe angehen wollte, wird vom Legaten beauftragt, den Tod eines Bankiers aufzuklären. Er schlüpft also erneut in die Rolle eines privaten Ermittlers, die er eigentlich ablehnen wollte. Wenn er denn nicht befürchtet hätte, dass sein Bruder Lucius wie die halbe Bevölkerung Mainz‘ – wenn man den Gerüchten glauben schenken darf – ebenfalls bei dem Bankier verschuldet sei.

Da zur damaligen Zeit von Kriminalpolizei nicht die Rede sein konnte, wird mit Marcus ein Privatdetektiv etabliert. Passend dazu werden die Ermittlungen aus der Sicht des Ich-Erzählers geschildert. Beeindruckend und einfühlsam beschreibt Franke die Örtlichkeiten und das Leben zu Zeiten des Römischen  Reiches. Viele details werden anschaulich beschrieben und der Leser fühlt sich beim Lesen in die damalige Zeit versetzt. Als Kunsthistorikerin und Stadtführerin kennt die Autorin ihre Heimatstadt Mainz und weiß sehr wohl auf das eine oder andere Kleinod der Stadt hinzuweisen. Doch nicht nur der Historienliebhaber kommt hier auf seine Kosten. Mit vielen Verwirrungen und falschen Fährten kann sich auch der rätselliebende Krimileser einige vergnügliche und spannende Stunden bereiten. Die kuriosen Geschehnisse und Überraschungen lassen nicht nur den Protagonisten die Situation neu überdenken. Doch erst am Schluss werden Marcus und die Leser mit dem Täter belohnt.

Interessant und spannend bis zur letzten Seite.

Franke, Franziska 
Wechselspiel in Mogontiacum
Salonlöwe Verlag, Mainz
ISBN: 9783944571379

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Karr und Wehner: Geierfrühling

Bereits in den 1990er Jahren waren die Bücher der Gonzo-Reihe des Autorendupo Karr & Wehner erschienen. 2015 gab es eine Neuauflage der vier Romane im Klartext-Verlag. Die Krimis, die mit dem Glauserpreis des SYNDIKATS ausgezeichnet worden waren, handeln von dem Essener Videoreporter Gonschorek, der den Spitznamen Gonzo trägt. Er ist einer, der stets mit der Videokamera herumläuft, den Polizeifunk abhört und von einem tatgeschehen zum nächsten Unfall hastet, um einige Bilder einzufangen, die er dann an die TV-Sender verkaufen kann. Er lebt also davon, stets als Erster zu wissen, wo gerade etwas passiert, um daraus eine Story zu machen, die in den Medien aufschlägt.
In „Geierfrühling“ gerät Gonzo unversehens in einen Kriminalfall, weil er eher zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Er tummelt sich am Essener Hauptbahnhof auf der Suche nach der Story, spricht mit Obdachlosen, Prostituierten und den Leuten eines privaten Sicherheitsdienstes. Kurze Zeit später ist einer der Sicherheitsleute tot. er wurde im Bahnhofsklo gefunden. Die Polizei verdächtigt eine Polin, die am Bahnhof anschaffen geht. Doch Gonzo weiß, dass sie es nicht gewesen sein kann, denn zur fraglichen Zeit hatte sie ihm eine seiner Videokameras geklaut. Er war das Alibi für sie. Nun beginnt Gonzo selbst zu ermitteln. Nicht zuletzt deshalb, weil er eine Story daraus machen will, die e vrkaufen kann.
Das Autorenduo hat diesen Krimi als schnellen, schmutzigen und actionreichen Regionalkrii angelegt. Hier wird keinesfalls gemächlich ermittelt, sondern der Protagonist torkelt von einem Chaos ins andere, bekommt selbst heftig Hiebve, weil er sich mit den falschen Leuten anlegt und Gerät in den tatverdacht bei der Polizei. Dabei werden von den Autoren Themen aufgegriffen, die es damals genauso gab wie heute: z. B. das Thema der rechten Neo-Nazis, die heute offenbar wieder salonfähig geworden sind, damals aber noch an Glatzen und Bomberjacken erkennbar waren. Kurze Dialige tragen zu der Schnelligkeit der handlungen bei und unterstützen den Jargon, der in den Kreisen, in denen Gonzo arbeitet, offenbar gerecht wird. Die Regionalität dieses Krimis wird durch die Handlungsorte, die durch ganz Essen und hauptsächlich rund um den Hauptbahnhof führen, unterstrichen. Mit dem Auto geht es häufig von einen Stadtteil in den anderen. Die Bilder, die dem Leser daheim in den Kopf projiziert werden, sind sehr realistisch. „Geierfrühling“ ist ein rasanter, harter Krimi, dem lediglich die überaus kleine Schrifttype im Druckbild angelastet werden kann.
(Es gibt die vier Gonzo-Romane auch zusammen in einem Schuber!)

Karr und Wehner
Geierfrühling
Klartext Verlag, Essen
ISBN: 9783837514070

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Minette Walters: Das Echo

Ein vor sechs Jahren verschwundener Betrüger, ein vor sechs Monaten verhungerter Obdachloser, ein Journalist, der von seinem Chef gedrungen wird, endlich mal wieder eine große Story zu schreiben, die sich für die Zeitung lohnt. So könnte man die Eckpunkte dieses Romans der englische Schriftstellerin Minette Walters benennen. Er beginnt damit das in der Garage der wohlhabenden Architektin Amanda Powell eines Tages ein Stadtstreicher tot aufgefunden wird. Dem ersten Anschein nach ist er verhungert. Merkwürdig ist aber, dass die Architektin die Bestattungskosten für diesen Unbekannten übernimmt. Dies findet besonders der Journalist Michael Deacon, auf der Suche nach einer großen Story. Sein Interesse ist geweckt, um an dem Schicksal des Stadtstreichers dran zu bleiben. Es dauert nicht lange, da stößt Deacon auf den Ex-Ehemann von Amanda, der vor sechs Jahren nach einem aufgeflogenen Betrugsskandal spurlos verschwunden ist. Hat der verschwundene Ehemann etwas mit dem Obdachlosen zu tun?
Neben dem besonders gut verschachtelten Plot hat mir die Figur des Michael Deacon sehr zugesagt. Er ist keiner der nach Karriere strebenden Journalisten, sondern einfach nur ein besonnener Typ, der eine gute Arbeit abliefern möchte. Vor Jahren ist ihm seine Frau davongelaufen, weshalb es schließlich auch zum Zerwürfnis mit seiner Mutter kam. Er lebt allein in seiner Wohnung und führt ein einsames Single-Dasein. Doch bei seinen Recherchen trifft er auf den 14jährigen Kerry, der ebenfalls unter den Stadtstreicher lebt. Der Junge ist beeindruckt von dem Respekt, den ihm der ältere Mann zollt. Kerry schließt Deacon schließlich ins Herz. Doch diese Zuneigung ist keine Einbahnstraße. Deacon bietet dem jungen Unterkunft in seiner Wohnung an. Diesem Duo schließt sich letztendlich noch ein Kollege von Deacon an. Dieser Kollege hat irgendwie seine Pubertät verschlafen und verfügt deshalb über eigenartige sexuelle Gelüste. Auch ihm gewährt Deacon Unterkunft seiner Wohnung. Die Konstellation dieses Dreiergespanns beinhaltet jede Menge Konfliktstoff, andererseits aber auch Grund genug für humorvolle Szenen und Dialoge.
Minette Wolters ist ein schwer zu durchschauender Krimi gelungen. Die Hauptfiguren des Romans sind authentisch und letztendlich sympathisch, auch wenn es sich dabei um Täter handeln sollte. Die Dialoge sind zum Teil humorvoll und es macht Spaß, den Leuten „zuzusehen“, wie sie sich in ihrem Chaos verstricken. In ein lesenswerter Roman.

Walters, Minette
Das Echo
Aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg-Ciletti
Goldmann Verlag

ISBN 9783442445547

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

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Val McDermid: Echo einer Winternacht

Der 550 Seiten dicke Roman ist eigentlich in zwei Teile untergliedert. Es beginnt in einer eisigen Winternacht im Jahre 1978. In dem schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews machen Alex und seine Freunde auf einem alten keltischen Friedhof eine grausige Entdeckung. Sie finden den blutüberströmten Körper der jungen Rosie. Zwar lebt sie noch, aber die Hilfe kommt dennoch zu spät. Aber diejenigen, die das Mädchen zu dieser ungewöhnlichen Zeit an diesem ungewöhnlichen Ort gefunden haben, werden von der Polizei auch als Täter verdächtigt. Nicht unbedingt alle gemeinsam, aber möglicherweise ein einzelner von ihnen, der später dann durch das Auffinden von sich ablenken wollte. Die Polizei kann ihnen aber nichts nachweisen. So bleibt es nur bei diesem Verdacht. Das allerdings über viele Jahre hinweg und außerdem scheint dieser Verdacht die Freunde voneinander entfernen.
25 Jahre später, als wegen technischer Entwicklungen die Polizeiarbeit noch weiter vorankommt, werden von der Polizei ungelöste Mordfälle wieder aufgerollt. So auch wird der Mord an dem Mädchen Rosie wieder auf den Schreibtisch gelegt. Außerdem scheint es jemandem zu geben, der seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat. Einer der vier Freunde kommt auf mysteriöse Weise ums Leben, obwohl diese Freunde von damals mittlerweile an unterschiedlichen Plätzen der Welt wohnen und leben. Wird bei dem ersten toten Freund zunächst noch ein Unfall vermutet, so ändert sich dies schnell, als kurz darauf ein zweiter durch einen mysteriösen Unfall ums Leben kommt. Alex will und muss herausfinden, wer es auf die vier Freunde abgesehen hat, denn schließlich möchte er selbst nicht das nächste Opfer sein.
Die schottische Autorin Val McDermid, selbst in dem Städtchen St. Andrews geboren wurde, hat sich spannenden Plot ausgedacht, der jenseits ihrer Helden angenehm unterhaltsam ist. Ganz ungewöhnlich ist das Ende der Romanhandlung im Jahre 1978. Der Leser wird sich zurecht die Frage stellen, wie es denn nun ab hier weitergehen soll. Schnell wird er dann aber merken, dass es im Jahre 2003 fast nahtlos weitergeht mit dem, was 1978 geschehen war. Noch mehr als in der ersten Hälfte des Romans rücken die vier Freunde in den Fokus der Geschichte. Dabei sind sie Opfer und Ermittler zugleich, oder auch Täter? Lange Zeit darf man den Ermittlungen beiwohnen und sie von allen Seiten betrachten. Belohnt wird der Leser schließlich am Ende mit einem fulminanten Show-down. Ein Überraschungsmoment jagt das nächste.
Obwohl sich für den Leser alles befriedigend auflöst, bleibt doch ein etwas fader Beigeschmack, denn am liebsten möchte man weiterlesen. Es ist einfach zu schade, den Roman aus der Hand zu legen.

McDermid, Val
Echo einer Winternacht
Aus dem Englischen von Doris Styron
Knaur Verlag

ISBN 9783426631584

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015

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»Schlussblende« von Val McDermid

Die in Schottland aufgewachsene und in Manchester lebende Literaturdozentin und langjährigen Journalistin Val McDermid hat 1995 die Bestsellerlisten erklommen und ist seitdem regelmäßig in diesen Listen anzutreffen. Mit ihren psycholgischen, nervenkitzelerzeugenden Romanen ist die Kriminalautorin international in der ersten Liga angekommen und nicht mehr wegzudenken.

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Martha Grimes: Die Frau im Pelzmantel

Martha Grimes gehört seit vielen, vielen Jahren zu einer der großen Kriminalschriftstellerinnen aus den USA. Ihre Romane allerdings spielen häufig in England. So auch der vorliegende Fall für Inspector Jury.

Während eines düsteren Novemberabends sitzt Inspector Jury in einem Londoner Doppeldeckerbus und erblickt eine ungewöhnlich attraktive blonde Frau. Diese Frau ist elegant in einen Pelzmantel gekleidet und wird von einem Hauch Parfüm umgeben. Selbst für den Inspektor ist sie eine auffällige Erscheinung. Doch an einem Eingang zu einem der dunklen Parks in London verliert er die Frau aus den Augen. Am nächsten Tag wird die Leiche einer wunderschönen Frau in einem Pelzmantel entdeckt. Zwar identifiziert Jury diese Frau als diejenige, die er am Abend zuvor beobachtet hatte, aber es dauert nicht lange, bis ihm Zweifel daran kommen, dass es sich tatsächlich um dieselbe Frau handelt. Noch dazu, als er die vermeintlich Tote später erneut trifft. Sie bestreitet vehement, an besagtem Abend an dem Park gewesen zu sein. Seine Ermittlungen führen Jury aufgrund des Pelzmantels in die Umgebung einer Galeristenfamilie. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an welchem er seinen Freund Melrose Plant, einen feinsinnigen Kunstkenner, in die Ermittlungen einbeziehen möchte. Die beiden Freunde haben einen ihrer schwierigsten Kriminalfälle zu lösen.

Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um einen gemächlichen, humorvollen und spannenden Kriminalroman. Er ist in etwa eine Mischung aus Inspector Linley und Inspector Barnaby. Während Jury in London lebt und arbeitet, kommt sein Freund Melrose aus einem kleinen Dorf in der Nähe. In einem langen, aber unterhaltsamen, parallelen Erzählstrang werden dieses Dorf und Melrose detailliert eingeführt. Absolut nicht langweilig, obwohl sich der Leser dennoch manches mal fragen kann: Was hat das Ganze mit der Leiche in London zu tun? Doch besonders dieser Teil und Melrose haben große Ähnlichkeit mit dem aus dem Fernsehen bekannten Inspector Barnaby. Es fasziniert die komplette dörfliche Idylle, in der das gesamte Geschehen des Dorfes abgebildet wird, die Streitigkeiten der Dorfbewohner untereinander, die diesen Teil sehr humorvoll gestalten. Schrullige Dorfbewohner, die sich gerne streiten und sich auch auf die Schippe nehmen, sind für diese Atmosphäre zuständig. Parallel dazu ermittelt der Polizist, um den Täter für die Leiche zu finden und herauszufinden, was es mit der Doppelgängerin auf sich hat. Falls es eine solche ist. Als Jury dann seinen Freund nach London gerufen hat, beginnt dieser, in der Galeristenfamilie zu ermitteln. Das macht er sozusagen verdeckt, denn offen gibt er nicht zu erkennen, dass er für seinen Polizistenfreund arbeitet. Aber je weiter er in die Geheimnisse dieser Familie eintaucht, umso verworrener scheint der ganze Fall zu werden.

Bereits oben habe ich von einem gemächlichen Krimi gesprochen, was darauf hinweist, dass es kein besonders action-reicher und schnell geschnittener Kriminalroman ist. Er folgt eher der Tradition einer Agatha Christie, der mit einer detailgenauen Beschreibung versucht, den Leser auf die falsche Fährte zu locken. Die dargestellte Szenerie entspricht durchaus dem englischen Landleben und es ist gut vorstellbar, dass sich die Autorin viel Zeit bei ihren Recherchen genommen hat, um solch ein kleines Dorf im Süden Englands unter die Lupe zu nehmen. Der Roman bietet gute Unterhaltung mit einem sehr guten Rätselformat.


       
Grimes, Martha
Die Frau im Pelzmantel
Aus dem Amerikanischen von Cornelia C. Walter
Goldmann Verlag
ISBN 9783442450091
© Detlef Knut, Düsseldorf 2015

 

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