„Gestorben wird immer“ von Alexandra Fröhlich

Gestorben wird immer

Nach dem Motto „Gestorben wird immer“ steht die 91-jährige Agnes Weisgut in Hamburg immer noch dem Steinmetzbetrieb Weisgut &Söhne vor, den sie vor einigen Jahrzehnten, direkt nach Kriegsende gegründet hatte. Sie fühlt, dass nun auch ihr Ende immer näher kommt und so beauftragt sie ihre Enkelin Birte, alle Familienmitglieder zusammen zu bringen. Agnes findet, es ist Zeit für die Wahrheit. Aber es ist gar nicht so einfach alle in einen Raum zu bringen. Zwischen einzelnen Familienmitgliedern gärt es gewaltig.

Wie alles zusammenhängt

In ihrem Roman erzählt Alexandra Fröhlich die Geschichte dreier Frauen: Agnes, Martha und Birte. Von Agnes Tharau, die es als junges Mädchen zusammen mit ihren Eltern von der Gluckstraße in Königsberg in die tiefste Provinz nach Groß Hubnicken verschlägt; die dort mit einem Mann verheiratet wird, den sie nicht liebt; die von Schwiegermutter und Mann geknechtet wird; 4 Kinder bekommt; wegen des Krieges und ihrer jüdischen Vergangenheit ihre Heimat in Ostpreußen verlassen muss und immer wieder ganz neu anfängt.

Von Martha, ihrer Tochter, die etwas „anders“ ist (warum, erfährt man noch), die ihren Mann und ihre beiden Kinder Birte und Peter sehr früh verlassen und ihre Heimat, die sie in vielen verschiedenen Ländern sucht, bisher nie gefunden hat.

Und von ihrer Enkelin Birte, die ihrer Mutter nie verziehen hat, dass sie sie als sie noch ein Kind war, verlassen hat; die in der Schule gemobbt wird und sich dank ihrer Großmutter zu einer starken jungen Frau entwickelt.

Alexandra Fröhlich hat einen so mitreißenden, bildhaften Erzählstil. Durch den dauernden Wechsel von Zeit und Ort und den Sprüngen zurück in die Vergangenheit baut sich eine Spannung auf, die es mir sehr schwer gemacht hat, Pausen einzulegen. Vor allem die Kapitelenden sind so gewählt, dass immer eine Frage offen bleibt, die ich unbedingt noch geklärt haben wollte.

Die Personen sind sehr bildlich und ausdrucksstark beschrieben und ziemlich bald habe ich ein Bild vor Augen, das sich im Laufe der Geschichte immer weiter stabilisiert. Gerade Agnes ist eine Frau mit so vielen verschiedenen Facetten, dass es, auch wenn sie manchmal etwas rüde und unsympathisch rüber kommt, Spaß macht, sie immer näher kennenzulernen.

Die Geschichte selbst geht unter die Haut. Gerade bei den Geschehnissen auf der Flucht habe ich schlucken müssen. Ich bewundere Agnes, die sich nie hat unterkriegen lassen und die, auch wenn sie irgendwo 5x vorstellig werden musste, eigentlich immer erreicht hat, was sie wollte.

Absolut lesenswert!

Ein tolles Buch von einer Autorin, die ich bisher nicht kannte und die ich mir nun merken werde. Eine ergreifende, tiefgründige und tragische Familiengeschichte mit Geheimnissen, die hier aufgelöst werden. Absolut lesenswert!

Alexandra Fröhlich
Gestorben wird immer
Penguin, München
ISBN 9783328100010

© Gaby Hochrainer, München 2020
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