Mohawk

»Mohawk« von Richard Russo

Richard Russos Debütroman Mohawk erschien 1986 und und spielt in einer fiktiven, heruntergekommenen Kleinstadt namens Mohawk irgendwo im Bundesstaat New York. Dieser Ort erinnert stark an Russos eigene Heimatstadt Gloversville, dessen Wirtschaft einst ebenso von der Lederindustrie (Gerbereien, Handschuhfabriken) geprägt war. Mit dem Roman »Diese gottverdammten Träume« erhielt Richard Russo den Pultzer Preis. Seitdem ich vor einigen Jahren »Diese alte Sehnsucht« von ihm entdeckt hatte, habe ich immer wieder ein Auge auf sein Wirken geworfen.

Mohawk, ein Kaff mit einer niedergehenden Lederindustrie

Zur Zeit der Handlung liegt diese Industrie bereits im Niedergang, was der Stadt und ihren Bewohnern ein Gefühl von Stagnation, Perspektivlosigkeit und Verfall verleiht. Ebenso wie in seinen darauffolgenden Romanen nährt sich auch dieser Roman aus dem Mikrokosmos, der mit vielen Figuren angefüttert ist, wie sie in einer solch kleinen Stadt vorkommen, in der oft auch ein Pub der Dreh- und Angelpunkt zum Leben in diesem Ort. Hier gibt es Neuigkeiten, hier erfährt man, was los ist.

Deshalb steht ein Geflecht miteinander verbundener Familien und Charaktere Im Zentrum des Geschehens bzw. des Romans.

Da gibt es zunächst Dallas Younger, ein charmanter, aber unzuverlässiger ehemaliger Sportler, der jetzt in einer Autowerkstatt arbeitet und sein Leben nicht recht in den Griff bekommt. Seine geschiedene Ehefrau Anne Younger versucht, ein stabiles Leben für sich und ihren Sohn Randall aufzubauen. Dabei wird sie allerdings zwischen Pflichtgefühl gegenüber ihrer Familie und dem Wunsch nach eigenem Glück hin- und hergerissen.

Dann gibt es den bereits genannten gemeinsamen Sohn Randall, dessen Erwachsenwerden vor dem Hintergrund der zerrütteten Familienverhältnisse geschildert wird. Er ist Kriegsdienstverweigerer und auf der Flucht vor den Behörden.

Mrs. Grouse ist Annes Mutter und eine strenge und schwierige ältere Frau. Zu Beginn hat es den Anschein, als würde sie das Regiment der Familie anführen.

Schließlich spielt auch Annes Cousin Dan Wood eine besondere Rolle. Dan ist ein ruhiger, gütiger Kriegsveteran mit einer Beinprothese, der eine Art moralischer Gegenpol zu Dallas darstellt und für Anne eine mögliche andere Lebensperspektive verkörpert.

Diese Figuren und diese Familie machen die Faszination dieses Romans aus, in dem über mehrere Jahre hinweg deren Auf und Ab verfolgt wird – gescheiterte Beziehungen, Krankheit, Alkoholismus, familiäre Verpflichtungen und den Versuch, in einer sterbenden Stadt so etwas wie Würde und Sinn zu bewahren.

Erfolg und Scheitern nahe beieinander

Russo zeichnet ein einfühlsames, oft humorvolles, aber auch melancholisches Porträt des amerikanischen Kleinstadtlebens: den Niedergang der Industriestädte, die Klassenunterschiede, die Belastung durch Familienbande und die Schwierigkeit, dem Kreislauf aus Armut und begrenzten Möglichkeiten zu entkommen. Gleichzeitig aber zeigt der »Mohawk« auch viel Wärme für seine fehlerhaften, aber zutiefst menschlichen Figuren – eine Eigenschaft, die für Richard Russo in späteren Werken wie zum Markenzeichen wird.

Richard Russo beschreibt diesen Mikrokosmos von Mohawk genüsslich in so vielen Details und auf so angenehme Weise, dass man das Gefühl hat, mittendrin zu sein und den Großteil dieser Menschen zu kennen. Zumindest kennt jeder Leser in seinem Bekanntenkreis Leute, die ganz ähnlich ticken wie die Figuren in diesem Roman und ähnliche Eigenschaften aufweisen. Für mich immer wieder verblüffend, dass die nationale Herkunft dabei keine Rolle spielt. Überall auf der Welt verhalten sich Menschen in gleicher Weise.

In Richard Rusos »Mohawk« entfaltet sich kleine Welt einer betagten Kleinstadt, der in der Vergangenheit schwelgt und in der Gegenwart nach neuen Wegen sucht. Die Charaktere, fest verwoben in ein dichtes Familiengeflecht, erleben die Höhen und Tiefen des Lebens, und jeder Aufstieg bringt neue Herausforderungen mit sich. Rusos unheimlich gemütlicher Schreibstil lädt den Leser ein, die alltäglichen Dinge in ihrer schlichten Schönheit zu entdecken; er beschreibt das Leben so, wie es wirklich ist – oft chaotisch, manchmal traurig, aber immer mit einem Hauch von Humor.

Die Geschichten sind nicht nur einfach Erzählungen, sie wecken die Neugier auf die Auflösungen, die das Schicksal für die Protagonisten bereithält. Jedes Kapitel ist wie ein Fenster, durch das wir einen Blick auf die Seele dieser Stadt und ihrer Bewohner werfen. »Mohawk« ist mehr als ein Buch; es ist eine Einladung, die kleinen Wunder und Kämpfe des Alltags zu erkennen und zu schätzen. Für jeden, der das Leben in seinen vielen Facetten feiern möchte, ist dieses Werk ein absolutes Muss.

Richard Russo
Mohawk
Aus dem Amerikanischen von Monika Köpfer
Dumont
ISBN 9783832167257

© Detlef Knut, Düsseldorf 2026
Der Beitrag enthält Affiliate-Verknüpfungen.
Bücher, die gefallen

AmazonLogo
#Affiliate-Link
Logo GenialLokal e1721458474190
#Affiliate-Link
Logo Thalia
#Affiliate-Link
Teilen mit:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert