Antje Melanie Rieche – Das Mädchen, das sie irre nannten

Vom 09.04.1956 bis zum 04.09.1969 begleite ich die damals sechsjährige Hanna Kowalczyk, auch Hania genannt, in 47 Kapiteln durch ihr Leben. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre älteren Schwester Marta lebt sie in dem kleinen polnischen Dorf Modlica in Niederschlesien. Ihr Bruder Pawel, der Stammhalter der Familie, ist mit 7 Jahren an Blutkrebs gestorben und eine kleine Schwester, die der Vater bis zum Schulbeginn als Sohn sieht und erzieht und die dann Agate genannt wird, kommt zur Familie hinzu.


Eine Familiengeschichte – erschreckend, beeindruckend und interessant – einfach lesenswert

Hanna wächst in einem sehr strengen, katholischen Elternhaus auf. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Marta, die sich an alle Regeln und häuslichen Gesetze hält und alles tut um ihrem Vater zu gefallen, muckt Hanna immer wieder auf. Sie will lernen, lesen, an der Umwelt teilhaben, ist neugierig auf die Welt ausserhalb ihres Elternhauses, auf die Überraschungen und kleinen Wunder. Dadurch kommt es immer wieder zu Streitigkeiten, Ärger und auch Schlägen. Zum Glück ist da noch die Großmutter, die Mutter ihres Vaters, die sie heimlich besucht, da auch dies nicht erlaubt ist. Bei ihr kann sie Fragen stellen, von ihr bekommt Hanna ihr erstes Buch „Madame Bovery“. Als Hanna einem streng gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur kommt, wird sie kurzerhand für irre erklärt und in einer Anstalt weggesperrt.

Antje Melanie Rieche hat mich mit ihrer Geschichte ab der ersten Seite gefesselt und die verschiedensten Emotionen in mir hoch gespült. Ich habe mich sehr gut in die kleine Hanna hinein fühlen können. Ich habe mit ihr gelitten, mich über Kleinigkeiten mit ihr gefreut, habe mich über Martas Verhalten ihr gegenüber geärgert und vor allem diese kleine Mädel, das sich nicht hat unterkriegen lassen, bewundert.

Die Autorin braucht für ihre Erzählung nur sehr wenige Protagonisten. Das meiste dreht sich um die kleine Familie, bei der der Vater zu Gewalt und Härte greift, um die Mädchen zu in seinen Augen guten Menschen zu erziehen. Die Mutter reagiert zumeiste mit Strenge, zeigt aber auch keine Liebe zu ihren Kindern. Die Großmutter ist die Einzige, bei der Hanna so sein kann, wie sie ist. Als sie stirbt, fällt Hanna in eine starre Resignation. Die Devise im Hause Kowalczyk scheint zu lauten: Was innen passiert, geht keinen was an. Nach aussen hat alles heile Welt zu sein. Und daran kann und will Hanna sich nicht halten.

„Das Mädchen, das sie irre nannten“ ist eine so gefühlvolle, interessante und emotionsbeladene Geschichte, die mich sehr gut unterhalten und beeindruckt hat. Ich habe es genossen, bei Hannas Entwicklung vom kleinen Mädchen bis zur starken jungen Frau dabei sein zu dürfen.

Antje Melanie Rieche
Das Mädchen, das sie irre nannten

Selfpublisher
ISBN 9781072350590

Rezension von
© Gaby Hochrainer, München 2019
Der Beitrag enthält Affiliate-Verknüpfungen.
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