
2010, Edition Oberkassel, Düsseldorf
ISBN: 978-3-9813905-0-6
Preis: 24,95 €
Man solle von Paris nie im Singular, sondern immer im Plural sprechen, sagte sinngemäß der in Paris geborene Schriftsteller Julien Greene (1900-1998) über seine Heimatstadt. Damit hat er recht, denn es gibt nicht das Paris, es gibt ein Paris der Touristen, eines der Pariser, eines der Künstler, der Gärten, der Arbeiter, der Designer, der Einwanderer. Dieser Aufzählung könnte man viele weitere folgen lassen. Diese Vielfalt war es, die Autoren in diese faszinierende Stadt führte und veranlasste, in gewisser Weise den Spuren der Protagonisten der in den 1990er Jahren zum Shootingstar avancierten, excelenten Kriminalautorin Fred Vargas zu folgen.
Wie auch die Kommissare Adamsberg und Kehlweiler streiften Regina und Detlef Knut die Plätze und Boulevards, die von tausenden Touristen betreten werden. Aber ihre Spurensuche führte sie auch in die Quartiers, die von Touristen nicht überrannt werden, wo die düsteren Verbrechen länger unentdeckt bleiben, wo die Recherchen besonders Spaß machten, trotz des nicht immer freundlich gestimmten Wetters.
Das Buch bietet eine unterhaltsame Vorlage für eine Reise nach Paris.
Mir war ja seinerzeit das Grab Jim Morrisons auf dem Père Lachaise schon düster genug, aber das ist vierzig Jahre her und – wer weiß!? – vielleicht inspiriert mich ja dieses Buch, mal wieder hinzufahren an die Seine. Wenn das Buch noch zu haben sein sollte…
Ich weiß nicht, ob das unverschämt ist, aber ich füge hier einen nicht unbedingt düsteren, eher humorvollen Ausschnitt aus einer persönlichen Paris-Geschichte an 😉
… Als ich die nächste größere Menge Radeberger in meine Kehle rauschen lasse, bin ich 21. Es ist Silvester 1986 in einer winzigen Altbauwohnung unterm Dach im Schatten der Basilika Sacré-Cœur de Montmartre. Frankreich muss gute Beziehungen zur DDR haben. Meine Gastgeber, Claudia, eine Schulfreundin, die in Paris studiert, und Franz, ihr späterer Ehemann, haben ein Sixpack deutschen Biers extra für mich eingekauft. Nicht Wicküler-, Warsteiner- oder König-Pilsener, nein, Radeberger. Es gibt Schneegestöber vor den Fenstern, die Heizung in der Wohnung bullert volles Programm vor sich hin, auf zwanzig Quadratmetern Dachgeschossmansarde stapelt sich ein Dutzend Studenten aus sieben Ländern. Drei verschiedene Weine trinke ich zum Essen, Kir Royal zum Abschluss, dann das Bier. Erst als ich ein Fenster öffne, um einen Zug frischer kalter Luft zu nehmen, spüre ich die Wirkung des Alkohols.
Ich bin so blau wie ein einzelner junger Mann nur sein kann. Mehr geht nicht. Ab in die Waagerechte!, denke ich. Im nächsten Moment stehe ich an der Straße, rufe „Taxi! Taxi! Taxi!“, es herrschen mitternächtliches Hupkonzert und Schneechaos, kein Wagen aber hält an. Claudia hat mich mit einem Zettel ausgerüstet, worauf die Adresse einer Wohnung am entgegengesetzten Ende der Stadt geschrieben steht, in der ich schlafen soll. Ihre Freundin Giselle wohnt dort. In Claudias Wohnung passt kein weiterer Schlafgast mehr rein. Giselle verbringt den Jahreswechsel in Antwerpen, während ein großer rostiger Schlüssel zu ihrer Wohnung in einer Tasche meiner schneematschnassen Jeans ruht, in denen ich vollkommen orientierungslos durch die Silvesternacht torkele.
Da sind Damen vom Horizontalgewerbe, die mich heranwinken wollen, es gibt einen Haufen Löcher in den Gehwegen, ich falle mehrfach hin. „Taxi! Taxi! Taxi!“ Endlich hält ein Ding neben mir an, einem vierrädrigen Kraftfahrzeug nicht unähnlich, ich könnte schwören, das ist Onkel Dieter in seinem Trabi! Ja, ich muss in Dresden sein, nicht an der Seine. Der Kleinwagen, der vor mir steht, der Zustand der Straßen – gibt es bessere Argumente dafür? Am Steuer des Vehikels sitzt nicht Onkel Dieter, doch immerhin ein Typ, der die Erfindung eines Sachsen ist. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah…