Die WillkürenDie Willküren

„Die Willküren“ von Andreas Sommer

In einer Welt, die oft von Routine und Gewohnheit geprägt ist, gibt es Geschichten, die uns dazu einladen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Eine dieser Geschichten ist „Die Willküren“ von Andreas Sommer. Dieses Werk entführt uns in die tiefen Abgründe und schillernden Höhen menschlicher Emotionen und Entscheidungen.

Die Willküren: Veras Weg ins Leben

Der Roman stellt den skurrilen Versuch der Autorin Luise Abgottspon dar, ihre „Klientin“ und Protagonistin Vera zurück ins Leben zu holen. In einem Wettlauf gegen Veras drohenden Verfall verfasst sie sieben Geschichten, die jeweils ein völlig anderes Bild von einem möglichen Leben zeichnen. Diese provokanten Rezepte sollen Vera helfen, aus ihrer Misere auszubrechen: ihre Rolle als Opfer aufzugeben, Rachegelüste auszuleben, sensibilisiert für Manipulation zu werden sowie Zorn, Empathie und Mut als Instrumente zur Selbstbehauptung zu entdecken.

Die Grenzen zwischen Veras realem Leben und den als möglich angedeuteten Szenarien beginnen zu verschwimmen. In diesen flimmernden Zwischenräumen beginnt sie zu fühlen, zu denken und schließlich aktiv zu werden … Die Willküren der Möglichkeiten entfalten sich vor ihr. Und somit werden Leser die Entwicklung einer arbeitslosen alleinerziehenden engagierten Mutter hin zu einer willensstarken Inmfluencerin erleben.

Andreas Sommer, Luise Abgottspon und Vera

Der Aufbau des Romans ist sehr experimentell und Leser müssen sich schon auf diese Form einlassen, wenn sie ihn nicht nach 20 Seiten aus der Hand legen wollen. Wer die Romane von Irmtraud Morgner, insbesondere Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura und Amanda: ein Hexenroman kennt, kann sich unter »Die Willküren« ein gewisses Bild machen. Im Prinzip ist dieser Roman ein einziger Monolog von Andreas Sommer mit sich selbst. Unterstützt wird er allerdings durch den Buchsatz. Die bereits oben erwähnten sieben Geschichten, die die Autorin Abgottspon über Vera schreibt, sind auf andersfarbigen Papier gedruckt. Damit wird sofort – und auch im Buchschnitt – sichtbar das Buch-in-Buch gekennzeichnet.

Doch was ist nun das wirklich experimentelle an diesem Roman? Ein Ich-Erzähler – unwillkürlich habe ich hier tatsächlich den Autor Andreas Sommer in diese Position gedacht – überlegt sich einen Namen für seine Protaginistin in einem Roman. Dabei unterhält er sich mit seiner fiktiven Figur und statt Theresa Abgottspon besteht sie darauf, mit Vornamen Luise zu heißen. Diese Figur Abgottspon kommt auf die Idee, über eine Zeitungsanzeige eine Figur für ihren Roman zu suchen. Es meldet sich die reale Person Vera Kroll, die sodann gleichzeitig eine Figur in den Geschichten der Abgottspon wird. Umd nun beginnt eine Unterhaltung zwischen all diesen Figuren, was schlussendlich auf einen Monolog von Andreas Sommer hinausführt.

Für den Fall, dass ich mich etwas unverständlich ausgedrückt habe, mag vielleicht das folgende Zitat aus dem Roman helfen:

Die Abgottspon schriebe als fiktive Beauftrage eines realen Autors den realistischen Roman über die fiktive Zukunft eines real lebenden Menschen.

»Die Willküren«, Kapitel 4 „Abgottspon, Vera und ich“

Andreas Sommer schafft mit seinen Worten ein Kaleidoskop aus Erlebnissen, das die Leser nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Leser steigen also ein in eine Reise durch die facettenreiche Erzählung von „Die Willküren“ und erkennen, weshalb dieses Buch ein Muss für jeden Leser ist, der das Besondere sucht. Lassen Sie sich von den Figuren, Geschehnissen und den Willküren verzaubern und entdecken Sie, wie sie sich in unser aller Leben widerspiegeln können.

Jeder Leser wird etwas aus der Gedankenwelt der Figuren, die selbst auch monologisieren oder sich mit anderen Figuren unterhalten, bei dem es durchaus um handfeste aktuelle gesellschaftliche Themen geht, für sich herausnehmen lönnen. Die Szenen an sich sind keinesfalls weltfremd. Allerdings, wenn man als Leser kein Interesse an den Figuren und ihren Gedanken oder an dem experimentellen Aufbau des Romans entwickelt, muss man wohl oder übel auf Spannung und Dramarturgie verzichen.

„Die Willküren“ von Andreas Sommer ist ein faszinierendes experimentelles Werk, das den Leser auf eine Reise durch die Gedankenwelt mehrerer Figuren entführt. Die geschickte Gestaltung und der innovative Aufbau des Romans ermöglichen es, verschiedene Perspektiven zu erleben, was die Figuren lebendig und vielschichtig erscheinen lässt. Besonders fesselnd ist die fiktive Lebensgeschichte von Vera, deren vorgezeichneter Weg spannend mit der Realität konfrontiert wird.

Die visuelle Unterstützung durch unterschiedlich Schrifttypen und Papiersorten verstärkt das Leseerlebnis und gibt dem Werk eine besondere Note. Trotz dieser kreativen Ansätze fehlt jedoch ein durchgängiger roter Faden, der Spannung von der ersten bis zur letzten Seite aufbaut. Dieser Mangel könnte einige Leser enttäuschen, doch wer sich auf die experimentelle Erzählweise einlässt, wird mit überraschenden Einblicken und emotionalen Momenten belohnt. „Die Willküren“ ist somit ein Werk für diejenigen, die das Unkonventionelle schätzen und bereit sind, den gewohnten Rahmen der Romanliteratur zu verlassen.

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Andreas Sommer
Die Willküren
Langenmüller, München
ISBN 9783784437811

Rezension von:
© Detlef Knut, Düsseldorf 2026
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